Montag, 21. März 2011

Reisen mit Mama Teil I

Mittlerweile schon wieder über einen Monat her, dafür aber nicht weniger präsent in meinem Kopf: die Rundreise durch (vor allem) Südindien mit meiner Mama. Hier kommt also jetzt ein Blogeintrag mit den Highlights der Reise und natürlich reichlich Bildern. Mama und ich hatten nämlich beide unsere großen Spiegelreflexkameras dabei und bei zwei so kleinen Hobbyfotografinnen kommen dann schon einige Bilder zusammen.
Morgens um 5 wartete ich ungeduldig am Flughafen in Mumbai um Mama in Empfang zu nehmen. Dann gings los ins Bentley Hotel, einer ehemaligen Kolonialresidenz, in der wir ganz wie die alten Enländer in knarrenden Betten aber einem großen Zimmer mit Schachbrettmustern auf den Böden und einer schönen Terrasse schliefen.
Mumbai war toll. Wir rannten ganz touristengleich durch Colaba, den schönen Süden der Stadt und bestaunten das Gateway of India im Sonnenuntergang. Nebenbei fingen wir gleich am ersten Tag an, einzukaufen! Das stellte sich dann als unsere Lieblingsbeschäftigung der gesamten Reise heraus. Jeden Tag wenn wir in unser Hotel zurück kehrten, hatten wir eine neue Klamotte, ein Schmuckstück oder Schuhe und Taschen gekauft. Es war schon fast komödiantisch, aber wir konnten einfach an keinem interessant erscheinenden Straßenstand vorbei gehen. Tja, so ist das eben wenn zwei Frauen unterwegs sind :)
In Mumbai lernten wir jeden Tag neue Leute kennen, jeder wollte mit den zwei weißen Frauen reden. Einer der Leute, die wir in den ersten Tagen kennen lernten war Khao, ein Amerikaner mit vietnamesischer Herkunft. Er besuchte einen Freund in Mumbai, einen Oberklasse-Inder, der dank reicher Eltern ein Restaurant in Mumbai eröffnet hat. Und, wie es so ist, weil wir zwei so nette weiße Frauen sind, wurden wir in dieses Restaurant eingeladen und hatten einen netten Abend mit Tuhan, Khao und Deepak.
Ein spektakuläres Erlebnis war die geführte Tour durch den größten Slum Indiens,den Derawadi Slum. Wir waren überrascht, wie produktiv die Menschen im Slum sind. Es gibt einen industriell-kommerziellen Bereich, in dem Plastik recycelt, Tontöpfe hergestellt, Süßigkeiten und Backwaren verkauft und diverse Näh- und Holzarbeiten erledigt werden. Im Wohnbereich des Slums befinden sich die Wohnhäuser. Die allerdings waren teilweise erschreckend winzig, in extrem engen Gassen ohne Sonnenlicht gelegen. Manchmal sah man aus einem 10-Quadratmeter-Zimmer fünf Köpfe herausschauen. Und natürlich war es an verschiedenen Stellen extrem dreckig und es stank. An anderen Stellen wiederum war es sauber und gepflegt, oder zumindest so gepflegt wie es auch auf normalen indischen Straßen aussieht :)
Zwischen Faszination und Entsetzen erlebten wir drei Stunden im Slum, hier gibt es ein paar Bilder (eigentlich ist es verboten, Bilder zu machen, aber dank Mamas Ungehorsam haben wir doch einige :))

Plastikverarbeitung

über den Dächern des Slums

ich über den Dächern :)



das ist Küche-Wohnzimmer für fünf Personen (größer als das, was man sieht, ist es nicht...) Unser Guide (rechts) wohnt hier mit seinen Eltern und Geschwistern

Und hier noch ein paar professionelle Bilder, die uns unser Guid freundlicherweise gegeben hat




Tontopfproduktion im Slum


So eng kann es dort zugehen

der Slum von oben

ein Hauch von Licht


Ein zweites einmaliges Erlebnis war es, den Dhaba-Wallas bei der Arbeit zuzusehen. Diese dünnen Männer, die jeden Tag das warme Essen tausender Büroarbeiter von deren Wohnung zu ihnen ins Büro und zurück transportieren, leisten Wahnsinniges! Jeden Tag um 11.30 kommen sie an der S-Bahn-Station Churchgate an und laden die vielen kleinen Täschchen mit dem wertvollen Inhalt auf dem Vorplatz ab. Jede Tasche hat eine Nummer und ist in einer bestimmten Farbe gekennzeichnet, so dass die zumeist analphabeten Arbeiter wissen, wo die Ladung hinkommt. Dann wird alles entweder auf Fahrräder oder kleine Wägelchen umgestapelt und los geht es. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes hat dem Unternehmen, das täglich mit tausenden von Lunchbüchsen zu tun hat, die an verschiedene Orte in der ganzen Stadt verteilt werden müssen, eine fast 100% Zuverlässigkeit bei der Zustellung bescheinigt und war vor Ort um das Phänomen zu untersuchen. Wie schaffen es diese nicht des Lesens fähigen, kleinen, zerbrechlichen Männer im wahnsinnigen Straßenverkehr Mumbais pünktlich an Ort und Stelle zu sein und den hungrigen Bürohengsten ihr Mittagessen zu bringen? Da kann ich nur sagen: indisches "Jugad" macht´s möglich :) (Jugad heißt soviel wie: wir regeln das schon, auch wenn es noch so unmöglich erscheint) Jugad scheint in Indien Motto zu sein!
Eine andere Frage, die sich dem geneigten Leser nun vielleicht aufdrängt wäre: Warum zur Hölle können diese faulen Anzugträger nicht ihr Essenspaket selber tragen? Wer einmal zur Rush-hour mit einem indischen Vorortzug Richtung Mumbai Zentrum gefahren ist, weiss warum. Nicht ein Zentimeter Platz ist dort, wer seinen Arm bewegen will, muss vier andere anrempeln. Hätte jetzt noch jeder seine Tiffinbox dabei, das wäre kaum auszumalen. Und wenn dann eine dieser Boxen aufgeht und sich das gesamte Kunstwerk aus Reis, Gemüsecurry, Dhal (Linsensuppe) und Roti (Brotfladen) auf die Passagiere verteilt, das wäre eine Katastrophe! Deshalb: schlau gedacht und Arbeitsplätze geschaffen mit dieser raffinierten Methode der Essensverteilung.

Hier ein paar Impressionen des Schauspiels:

schwere Last

nur nicht verwirren lassen, alles hat seine Ordnung :)

und weiter gehts per Fahrrad

...und per Karren


Ein letztes Erlebnis, das ich hier nennen möchte,bevor dieser Eintrag zuende geht, sind die Dhobi Ghats in Mumbai, ein riesiges Freiluftwaschhaus, in dem die gesamte dreckige Wäsche des riesigen Großstadtmolochs gewaschen wird. Hotels, Restaurants und andere Dienstleister gehören ebenso zum Kundenstamm wie Privatleute, die keine eigene Waschmaschine haben und zu faul sind, selbst per Hand zu waschen. Als Tourist darf man das Schauspiel von einer Brücke aus beobachten, Eintritt ist für Weiße und Frauen verboten.

Die Wäscher sind selbstständig und mieten eine Waschzelle für 300 Rupees im Monat (5 Euro). Ein Arbeiter, der bei dem Wäscher angestellt ist, verdient 50 Rupees am Tag (etwa ein Euro), während der Besitzer der Zelle ungefähr 150 Rupees (2 Euro 50) am Tag mit nach hause nimmt. Bei diesen Löhnen kann einem nur der Atem stocken. Mama und mir sind die Münder offen stehen geblieben. Im Slum sind die Bedingungen krasser: ein Wohnhaus kostet 3000 Rupees im Monat, während der normale Lohn für Arbeiter 50 Rupees am Tag beträgt. Wie die Menschen
mit so wenig Geld überleben ist mir ein Rätsel!

Die Ghats von oben



ein Wäscher bei der Arbeit in einer Waschzelle

Das war es für jetzt. Unsere Reise führte uns weiter zunächst nach Jodhpur in Rajasthan und dann nach Kerala, wo wir Tee- und Reisplantagen bestaunten und mit auf einem Hausboot durch die Backwaters schipperten.
Dazu dann das nächste Mal mehr.
Liebe Grüße an euch alle aus dem mittlerweile heißen Pune!










2 Kommentare:

  1. schoene bilder krissi.
    wundert mich, dass du in dem slum fotografieren durfest - wir durften das nicht

    AntwortenLöschen